Ein Wunschbaum, ein Herz und eine Klasse
Als Klassenlehrerin der 10A und BO-Koordinatorin der Otto-Unverdorben-Oberschule besuche ich immer wieder Projekte und Partner, mit denen unsere Schule zusammenarbeitet. Bei einem Besuch in der Seniorenresidenz ProCurand Dahme blieb mir besonders ein Wunschbaum im Gedächtnis: kleine handgeschriebene Zettel mit Wünschen wie einem Duschbad, einer Tube Fußcreme, einem Parfüm oder der Lieblings-CD, Dinge, die für die Bewohner Trost und Würde bedeuten. Die Idee war einfach: wer einem Bewohner eine Freude machen möchte, nimmt einen Zettel, besorgt das Gewünschte, verpackt es schön und bringt es zur Einrichtung zurück. Als ich meinen Schülerinnen und Schülern der 10A vom Wunschbaum erzählte, hatte ich nicht mit der Wucht ihrer Reaktion gerechnet.
Kaum hatte ich geendet, erklang aus vielen Mündern zugleich das deutliche: „Wir machen mit.“ Viele legten spontan einen Teil ihres Taschengeldes dazu, andere boten an, beim Einkaufen oder Verpacken zu helfen. Dieses Engagement kam aus dem Bauch heraus. Die Schülerinnen und Schüler sorgten dafür, dass alles schön verpackt und ansprechend dekoriert wurde; niemand wollte, dass die Präsente lieblos ankommen.
Es ging ihnen spürbar um das Zeichen: „Wir denken an euch.“ Die Motivation der Jugendlichen haben mich tief berührt. „Es könnten auch meine Großeltern sein“, sagte ein Junge. „Sie haben ihr Leben lang gearbeitet und wir können ein klein wenig zurückgeben“, fügte ein Mädchen hinzu. Eine andere Schülerin meinte: „Meine Großeltern wohnen auch in einer Einrichtung, da würde ich mir so etwas wünschen.“ Und ein Schüler formulierte es einfach und nüchtern: „Wir werden auch einmal alt.“ Diese Sätze haben für mich viel mehr gesagt als jede moralische Belehrung: Hier handeln junge Menschen, weil sie Mitmenschlichkeit als selbstverständlich empfinden.
Unsere Kooperation mit ProCurand Dahme besteht nicht nur aus einmaligen Aktionen. Die Einrichtung unterstützt uns regelmäßig, etwa in der Berufsorientierung, und stärkt damit viele Schülerinnen und Schüler gezielt auf ihrem Weg. Umso schöner war es zu erleben, dass diese Unterstützung nun in Form von gelebter Solidarität zurückfloss, durch die Jugendlichen, die ohne zu fragen helfen wollten. In Zeiten, in denen junge Leute oft pauschal kritisiert werden, war dieser Tag ein eindrückliches Gegenzeichen. Natürlich sind unsere Jugendlichen nicht frei von Fehlern oder Ecken und Kanten, doch wenn es darauf ankommt, haben sie Herz und Verantwortungsgefühl. Sie halfen, ohne zu prahlen, aus eigenem Antrieb und mit dem Versuch, den Menschen in der Einrichtung Respekt und Freude zu schenken. Ich verließ ProCurand Dahme an diesem Tag mit dem Gefühl, etwas Bedeutendes gesehen zu haben: eine Klasse, die ganz selbstverständlich Teil von etwas Größerem wurde. Solche Momente zeigen mir immer wieder, warum ich diesen Beruf liebe: Weil wir junge Menschen begleiten dürfen, die lernen, wo Hilfe gebraucht wird und bereit sind, sie zu geben.
Andrea Jahn Klassenlehrerin, 10A